Im Mai 2015 führte mich ein Ausflug auf den Waldfriedhof in Aumühle. Das Besondere daran: Aumühle liegt unweit meines Wohnortes. Geschichte, die man sonst vor allem aus Büchern, Dokumentationen oder historischen Aufnahmen kennt, findet sich hier gewissermaßen direkt vor der eigenen Haustür. Mein Ziel war die Grabstätte von Karl Dönitz. Der Großadmiral und Oberbefehlshaber der deutschen Kriegsmarine gehörte während des Zweiten Weltkriegs zur militärischen Führung des nationalsozialistischen Deutschlands und wurde in den letzten Kriegstagen von Adolf Hitler zu dessen Nachfolger als Reichspräsident bestimmt. Mein Besuch war keine Form der Verehrung, sondern vor allem von historischem Interesse geprägt. Gerade solche Orte bieten die Möglichkeit, sich unmittelbar mit deutscher Geschichte und ihren schwierigen Kapiteln auseinanderzusetzen.

Karl Dönitz wurde am 16. September 1891 in Grünau bei Berlin geboren und trat bereits 1910 in die Kaiserliche Marine ein. Während des Ersten Weltkriegs war er unter anderem als U-Boot-Offizier eingesetzt. Seine wesentlich größere historische Bedeutung erlangte er jedoch während der Zeit des Nationalsozialismus. Ab Mitte der 1930er-Jahre war Dönitz maßgeblich am Aufbau der deutschen U-Boot-Waffe beteiligt. Im Zweiten Weltkrieg führte er den deutschen U-Boot-Krieg, der insbesondere darauf zielte, die über den Atlantik verlaufenden Nachschubwege Großbritanniens anzugreifen. Bekannt wurde dabei die sogenannte „Rudeltaktik“, bei der mehrere U-Boote koordiniert gegen alliierte Geleitzüge vorgingen. Im Januar 1943 wurde Dönitz als Nachfolger Erich Raeders Oberbefehlshaber der Kriegsmarine und zum Großadmiral ernannt. Damit gehörte er endgültig zur obersten militärischen Führung des NS-Staates. Die nach dem Krieg von ihm selbst verbreitete Darstellung, im Wesentlichen ein unpolitischer Berufssoldat gewesen zu sein, wird von der historischen Forschung kritisch beurteilt.

Eine außergewöhnliche Rolle fiel Dönitz in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs zu. Adolf Hitler bestimmte ihn in seinem politischen Testament zu seinem Nachfolger als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Wehrmacht. Nach Hitlers Selbstmord am 30. April 1945 stand Dönitz damit für wenige Wochen formal an der Spitze des zusammenbrechenden Deutschen Reiches. Seine Regierung nahm ihren Sitz im Raum Flensburg-Mürwik. In den letzten Kriegstagen versuchte Dönitz, gegenüber den westlichen Alliierten noch Handlungsspielraum zu gewinnen und möglichst viele deutsche Soldaten und Zivilisten aus den östlichen Gebieten in Richtung Westen gelangen zu lassen. Gleichzeitig wurde der Krieg fortgeführt und forderte auch in seinen letzten Tagen noch zahlreiche Opfer. Am 7. Mai 1945 unterzeichnete Generaloberst Alfred Jodl in Reims die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, die am folgenden Tag in Kraft trat. Eine weitere Unterzeichnung erfolgte in der Nacht vom 8. auf den 9. Mai in Berlin-Karlshorst. Am 23. Mai 1945 verhafteten britische Soldaten schließlich Dönitz und weitere Mitglieder seiner Regierung in Flensburg-Mürwik.

Nach Kriegsende gehörte Dönitz zu den Angeklagten im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher. Gegenstand des Verfahrens waren unter anderem seine Beteiligung an der deutschen Kriegführung und seine Verantwortung für den Seekrieg. Eine Rolle spielte dabei auch der sogenannte Laconia-Befehl vom September 1942, nach dem deutsche U-Boote grundsätzlich keine Rettungsmaßnahmen für Schiffbrüchige versenkter Schiffe durchführen sollten. Das Nürnberger Gericht sah allerdings nicht als erwiesen an, dass Dönitz damit ausdrücklich die Tötung von Schiffbrüchigen angeordnet hatte. Am 1. Oktober 1946 wurde er zu zehn Jahren Freiheitsstrafe verurteilt. Diese verbüßte er vollständig im alliierten Kriegsverbrechergefängnis Berlin-Spandau. Nach seiner Entlassung im Oktober 1956 ließ sich Dönitz in Aumühle nieder, wo er den Rest seines Lebens verbrachte und unter anderem Erinnerungen an seine militärische Laufbahn veröffentlichte. Seine nachträgliche Darstellung der eigenen Rolle und die Vorstellung einer weitgehend unpolitischen Kriegsmarine werden heute historisch kritisch eingeordnet. Am 24. Dezember 1980 starb Karl Dönitz in Aumühle im Alter von 89 Jahren.

Seine letzte Ruhestätte befindet sich auf dem Waldfriedhof Aumühle-Wohltorf. Wer dort vor dem Grab steht, begegnet zunächst einem vergleichsweise unscheinbaren Ort. Doch der Name auf dem Grabstein steht für eine Biografie, die unmittelbar mit zwei Weltkriegen, dem nationalsozialistischen Deutschland und schließlich dessen Zusammenbruch verbunden ist. Gerade dieser Gegensatz machte meinen Besuch im Mai 2015 interessant: die Ruhe eines Friedhofs in einer Gemeinde unweit meines Wohnortes auf der einen Seite und die Dimension der historischen Ereignisse, mit denen der dort bestattete Mann verbunden war, auf der anderen.

Bemerkenswert ist zudem, wie viel deutsche Geschichte sich in dieser Gegend auf engem Raum konzentriert. Direkt mit Aumühle verbunden ist Friedrichsruh im Sachsenwald. Dieser kleine Ort ist seit dem 19. Jahrhundert eng mit Otto von Bismarck verbunden. Nach der Gründung des Deutschen Reiches 1871 erhielt Bismarck von Kaiser Wilhelm I. umfangreichen Besitz im Sachsenwald. Friedrichsruh wurde zu seinem Wohnsitz, und auch nach seiner Entlassung als Reichskanzler im Jahr 1890 lebte er hier weiter. Bismarck starb am 30. Juli 1898 in Friedrichsruh und fand gemeinsam mit seiner Frau Johanna seine letzte Ruhestätte im Bismarck-Mausoleum. Die Verbindung zwischen Friedrichsruh und der Familie von Bismarck besteht bis heute. Nachkommen der Familie leben weiterhin dort, und Teile des Sachsenwaldes befinden sich nach wie vor im Familienbesitz. Mit dem Bismarck-Museum und der Otto-von-Bismarck-Stiftung ist die Geschichte des ersten Reichskanzlers in Friedrichsruh zudem bis heute präsent.

Damit begegnen sich rund um Aumühle und Friedrichsruh auf erstaunlich engem Raum ganz unterschiedliche Epochen deutscher Geschichte. Otto von Bismarck steht wie kaum eine andere Persönlichkeit für die Reichsgründung von 1871 und das Deutsche Kaiserreich. Nur wenige Kilometer entfernt liegt auf dem Waldfriedhof Aumühle-Wohltorf das Grab von Karl Dönitz, dessen Name mit der nationalsozialistischen Diktatur, dem Zweiten Weltkrieg und dessen Ende 1945 verbunden ist. Beide Persönlichkeiten und ihre historischen Rollen sind nicht gleichzusetzen. Interessant ist vielmehr die enorme zeitgeschichtliche Spannweite, die sich in dieser kleinen Region widerspiegelt: vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg und die Weimarer Republik bis zur nationalsozialistischen Diktatur und zum Ende des Zweiten Weltkriegs.

Gerade diese räumliche Nähe machte meinen Besuch für mich besonders interessant. Für historische Orte muss man nicht zwangsläufig nach Berlin, Nürnberg oder an die großen Schauplätze der deutschen Geschichte reisen. Auch im unmittelbaren regionalen Umfeld gibt es Orte, die mit bedeutenden und zugleich schwierigen Kapiteln der Vergangenheit verbunden sind. Ein Friedhof ist dabei ein besonderer Geschichtsort. Namen, die man aus Geschichtsbüchern kennt, werden plötzlich mit einem konkreten Ort verbunden. Beim Grab von Karl Dönitz gilt dies in besonderem Maße. Seine Biografie führt vom Kaiserreich über den Ersten Weltkrieg bis tief in die militärische Führung des nationalsozialistischen Deutschlands. Schließlich wurde er für wenige Wochen Hitlers Nachfolger und anschließend einer der Angeklagten im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess. Historisches Interesse an einer solchen Biografie darf dabei nicht mit Verehrung verwechselt werden. Dönitz war eine zentrale militärische Führungspersönlichkeit des NS-Staates. Gerade deshalb bietet seine Grabstätte Anlass, sich mit Krieg, Diktatur und persönlicher Verantwortung auseinanderzusetzen.

Fazit

Mein Besuch am Grab von Karl Dönitz im Mai 2015 zeigte mir einmal mehr, wie nah Geschichte sein kann. Nur unweit meines Wohnortes befindet sich die letzte Ruhestätte eines Mannes, dessen Lebensweg unmittelbar mit einigen der dunkelsten und folgenreichsten Jahren der deutschen Geschichte verbunden war. Gleichzeitig liegt mit Friedrichsruh und der bis heute bestehenden Verbindung zur Familie von Bismarck ein weiterer bedeutender deutscher Geschichtsort praktisch in unmittelbarer Nachbarschaft. Das Grab von Karl Dönitz selbst ist ein stiller und unscheinbarer Ort – und steht damit in einem bemerkenswerten Kontrast zu den historischen Ereignissen, mit denen sein Name verbunden ist. Für mich war der Besuch keine Würdigung seiner Person, sondern eine Begegnung mit Geschichte vor der eigenen Haustür und ein Anlass, sich mit den unterschiedlichen und teilweise schwierigen Kapiteln der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Kommentar verfassen

BARRIERE-FREIHEIT

Entdecke mehr von Sven Minge

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen