Berufliche Wege verlaufen nicht immer geradlinig. Manchmal führt ein neuer Abschnitt in eine Richtung, die man einige Jahre zuvor selbst nicht erwartet hätte. Dabei geht das, was man zuvor gelernt und erlebt hat, keineswegs verloren. Im Gegenteil: Oft erkennt man den Wert der eigenen Erfahrungen erst richtig, wenn man sie aus einer neuen Perspektive betrachtet. Nach vielen Jahren in leitenden Funktionen arbeite ich heute als Disponent im Schienengüterverkehr im Hamburger Hafen. Auf den ersten Blick sind das zwei sehr unterschiedliche berufliche Welten. Früher gehörten Geschäftsführung, Personalverantwortung, Verwaltung, Finanzen, Projekte und strategische Entscheidungen zu meinen Aufgaben. Heute geht es unmittelbar um operative Abläufe, um Güterzüge, Terminals, Rangierbewegungen, Zeitfenster und die Koordination verschiedener Beteiligter. Mit der Zeit habe ich allerdings festgestellt, dass diese Welten mehr miteinander verbindet, als ich zunächst gedacht hätte.
Verantwortung verändert ihre Form, aber nicht ihre Bedeutung.
Verantwortung verändert ihre Form, aber nicht ihre Bedeutung. In einer leitenden Position geht es häufig um Entscheidungen, deren Auswirkungen erst nach Wochen, Monaten oder sogar Jahren sichtbar werden. In einer Leitstelle dagegen ist Verantwortung sehr unmittelbar. Informationen müssen zusammengeführt, Situationen eingeschätzt und Prioritäten gesetzt werden. Abläufe verändern sich, neue Informationen kommen hinzu und manchmal muss innerhalb kurzer Zeit neu disponiert werden. Gerade der Hamburger Hafen zeigt eindrucksvoll, wie komplex Logistik tatsächlich ist. Von außen sieht man Schiffe, Container, Lkw und Güterzüge. Dahinter befindet sich jedoch ein fein abgestimmtes System aus Menschen, Unternehmen, Infrastruktur und Technik. Hafenbahn, Eisenbahnverkehrsunternehmen, Rangierbetrieb und Terminals müssen ineinandergreifen. Ein Güterzug ist deshalb niemals nur ein Zug, der von einem Ort zum anderen fährt. Er ist Bestandteil einer wesentlich größeren logistischen Kette. Für einen Disponenten bedeutet das vor allem, den Überblick zu behalten – und genau darin erkenne ich vieles wieder, was mich bereits während meiner früheren beruflichen Aufgaben begleitet hat.
Gute Entscheidungen brauchen gute Informationen.
Eine Erfahrung bestätigt sich dabei immer wieder: Gute Entscheidungen brauchen gute Informationen. Das klingt zunächst selbstverständlich, ist im Arbeitsalltag jedoch häufig eine der größten Herausforderungen. Informationen kommen aus unterschiedlichen Richtungen, können unvollständig sein oder sich innerhalb kurzer Zeit verändern. Trotzdem muss irgendwann eine Entscheidung getroffen werden. Dann helfen Erfahrung und Struktur: Was ist im Augenblick wirklich wichtig? Was muss zuerst geklärt werden? Welche Auswirkungen hat eine Entscheidung auf andere Abläufe? Und wer benötigt welche Information? Diese Fragen begegnen mir heute in der Disposition. Im Kern unterscheiden sie sich aber gar nicht so sehr von den Fragen, die mich während meiner Zeit in leitenden Funktionen beschäftigt haben. Ähnlich verhält es sich mit der Kommunikation. Organisationen funktionieren nicht allein durch Organigramme, Dienstanweisungen oder technische Systeme. Sie funktionieren vor allem dadurch, dass Menschen miteinander sprechen, Informationen weitergeben und sich aufeinander verlassen können. Eine Information, die zu spät oder missverständlich ankommt, kann einen gesamten Ablauf beeinflussen. Professionelle Kommunikation bedeutet für mich deshalb nicht nur, selbst Informationen weiterzugeben. Ebenso wichtig sind Zuhören, Nachfragen und Verstehen. Gerade wenn Zeitdruck entsteht, zeigt sich der Wert einer klaren, sachlichen und respektvollen Kommunikation.
Wer Verantwortung für Menschen oder eine Organisation trägt, sollte möglichst verstehen, was auf der operativen Ebene tatsächlich geleistet wird.
Meine heutige Tätigkeit hat dadurch auch meinen Blick auf Führung erweitert. Wer Verantwortung für Menschen oder eine Organisation trägt, sollte möglichst verstehen, was auf der operativen Ebene tatsächlich geleistet wird. Kennzahlen, Berichte und Statistiken sind notwendig, bilden aber niemals die gesamte Wirklichkeit eines Arbeitsplatzes ab. Wie viele einzelne Entscheidungen und Abstimmungen notwendig sind, damit ein Prozess am Ende funktioniert, erkennt man besonders deutlich, wenn man selbst Teil dieses Prozesses ist. Gute Führung bedeutet für mich deshalb nicht nur, Ziele zu formulieren und Entscheidungen zu treffen. Sie bedeutet ebenso, die Bedingungen zu verstehen, unter denen andere Menschen diese Ziele erreichen sollen. Berufliche Erfahrung verschwindet schließlich nicht, nur weil sich die eigene Aufgabe verändert. Organisation, Priorisierung, Verantwortungsbewusstsein, Kommunikation, Konfliktlösung und die Fähigkeit, auch in anspruchsvollen Situationen strukturiert zu arbeiten, sind nicht an eine bestimmte Stellenbezeichnung gebunden. Man nimmt diese Fähigkeiten mit.
Natürlich gehört zum Schienengüterverkehr im Hamburger Hafen auch der Schichtdienst. Früh-, Spät- und Nachtdienste können belastend sein und verlangen eine entsprechende Organisation des eigenen Alltags. Interessanterweise empfinde ich dabei die vorhandene Planbarkeit als einen wichtigen Unterschied zu früheren Jahren. Durch meine haupt- und ehrenamtlichen Tätigkeiten im Feuerwehrbereich war ich über lange Zeit daran gewöhnt, dass Termine, Ereignisse und notwendige Reaktionen nicht immer planbar waren. Rückblickend empfand ich gerade diese ständige Unvorhersehbarkeit teilweise als deutlich belastender als einen Dienstplan, in dem auch ungewöhnliche Arbeitszeiten zumindest grundsätzlich vorher feststehen. Schichtdienst ist deshalb für mich nicht automatisch gleichbedeutend mit einer schlechteren Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Entscheidend ist vielmehr, wie verlässlich Arbeits- und Freizeit geplant werden können. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Arbeitszeit und persönliche Belastung durchaus verändert.
Verantwortung übernehmen, verlässlich arbeiten, zuhören, Entscheidungen treffen und respektvoll mit Menschen umgehen.
Meine berufliche Laufbahn hat mir sehr unterschiedliche Perspektiven ermöglicht. Ich habe Verwaltung und soziale Arbeit kennengelernt, viele Jahre Verantwortung in Geschäftsführung und Verbandsmanagement getragen und mich kommunalpolitisch sowie ehrenamtlich engagiert. Heute lerne ich zusätzlich die operative Welt des Schienengüterverkehrs kennen. Diese Bereiche könnten auf den ersten Blick kaum unterschiedlicher sein. Trotzdem begegnen mir bestimmte Grundprinzipien überall wieder: Verantwortung übernehmen, verlässlich arbeiten, zuhören, Entscheidungen treffen und respektvoll mit Menschen umgehen. Auch deshalb halte ich lebenslanges Lernen für weit mehr als ein Schlagwort. In den vergangenen Jahren habe ich mich intensiv weitergebildet und mich unter anderem mit Digitalisierung, künstlicher Intelligenz, SAP S/4HANA und Projektmanagement beschäftigt. Doch Weiterbildung findet nicht ausschließlich in Seminaren statt. Auch ein neuer Arbeitsplatz kann Weiterbildung sein: eine neue Fachsprache verstehen, technische und organisatorische Zusammenhänge kennenlernen, von erfahrenen Kolleginnen und Kollegen lernen und sich in einem bislang fremden Umfeld zurechtfinden.
Besonders überrascht hat mich dabei der Hamburger Hafen selbst. Natürlich kannte ich ihn als Hamburger schon lange und habe mich immer für ihn interessiert. Ihn jedoch aus beruflicher Perspektive kennenzulernen, ist etwas völlig anderes. Heute erlebe ich den Hafen als einen spannenden Wirtschafts- und Arbeitsraum mit einer enormen Vielfalt an Unternehmen, Berufen und Aufgaben. Für mich persönlich hat sich damit eine Welt geöffnet, in der ich persönliche, berufliche und auch finanzielle Perspektiven sehe. Dass ich das einmal so empfinden würde, hätte ich vor einigen Jahren selbst nicht gedacht. Gerade das macht diesen neuen Abschnitt für mich so interessant: Ich habe nicht einfach nur eine neue Tätigkeit kennengelernt, sondern einen Bereich entdeckt, in dem sich für mich möglicherweise noch ganz unterschiedliche Wege entwickeln können.
Offen für neue Aufgaben und Herausforderungen
Gerade mit mehr als 50 Jahren empfinde ich es als spannend, noch einmal eine vollkommen neue berufliche Welt kennenzulernen. Gleichzeitig merke ich, wie viel aus meiner bisherigen Laufbahn auch in diesem Umfeld hilfreich ist. Heute kann ich zwei Perspektiven miteinander verbinden: die Erfahrung aus vielen Jahren in verantwortlichen und leitenden Funktionen und den unmittelbaren Blick auf operative Prozesse. Mein beruflicher Weg ist für mich deshalb keineswegs abgeschlossen. Ich bin offen für neue Aufgaben und Herausforderungen – im Hamburger Hafen ebenso wie darüber hinaus –, bei denen ich meine bisherigen Erfahrungen einbringen und gleichzeitig Neues kennenlernen kann. Dabei muss eine interessante Aufgabe nicht zwangsläufig einer früheren Position entsprechen. Entscheidend sind für mich Verantwortung, Entwicklungsmöglichkeiten, ein professionelles Umfeld und die Möglichkeit, mit meiner Erfahrung einen echten Beitrag zu leisten.
Fazit: Denn letztlich besteht berufliche Erfahrung nicht nur aus Funktionen, Titeln oder einzelnen Stationen im Lebenslauf. Entscheidend ist, was man daraus gelernt hat und was man davon in eine neue Aufgabe mitnehmen kann. Nach vielen Berufsjahren stelle ich vor allem eines fest: Man kann bereits viel Erfahrung gesammelt haben und trotzdem jeden Tag etwas Neues lernen. Und manchmal entdeckt man dabei berufliche Möglichkeiten, mit denen man selbst überhaupt nicht mehr gerechnet hätte. Genau diese Offenheit möchte ich mir bewahren.
Sven Minge: neue Aufgaben, neues Wissen, neue Perspektiven







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