Wer heute durch Geesthacht fährt, an der Elbe entlang nach Krümmel kommt oder durch die bewaldeten Gebiete am Geesthang unterwegs ist, ahnt auf den ersten Blick kaum, welche internationale Bedeutung dieser Ort einmal hatte. Geesthacht ist eng mit einem Namen verbunden, der heute vor allem für Wissenschaft, Literatur und Frieden sowie für eine der weltweit bekanntesten Auszeichnungen steht: Alfred Nobel. Lange bevor die Nobelpreise erstmals vergeben wurden, schrieb der schwedische Chemiker, Erfinder und Unternehmer hier an der Elbe Industriegeschichte. Im Jahr 1865 kaufte Nobel ein Gelände auf dem Krümmel und errichtete dort eine Nitroglycerinfabrik. Bereits ein Jahr später entwickelte er hier das Dynamit. Die Ortschronik der Stadt Geesthacht bezeichnet die Anlage als erste Dynamitfabrik des europäischen Kontinents. Für mich ist diese Geschichte besonders interessant, weil sie sich unmittelbar vor der eigenen Haustür abgespielt hat. Wer in Geesthacht lebt, begegnet den Spuren dieser industriellen Vergangenheit bis heute: am Nobelplatz, an historischen Gebäuden, am Krümmeler Wasserturm und inzwischen sogar im Namen der Alfred-Nobel-Schule. Die Dynamitfabrik war nicht irgendein Industriebetrieb am Rand Geesthachts, sondern wurde zu einem Ausgangspunkt von Nobels internationalem Unternehmensnetz und prägte zugleich die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung der Stadt über Generationen.

Alfred Nobel kommt nach Krümmel und entwickelt das Dynamit

Alfred Bernhard Nobel wurde am 21. Oktober 1833 in Stockholm geboren. Sein Vater Immanuel Nobel war Ingenieur und Erfinder, und auch Alfred entwickelte früh ein ausgeprägtes Interesse an Naturwissenschaften, Chemie und Technik. Eine besondere Rolle spielte schließlich Nitroglycerin – ein enorm leistungsfähiger, gleichzeitig aber äußerst empfindlicher Explosivstoff. Das entscheidende Problem bestand darin, seine gewaltige Energie kontrollierbar und damit technisch nutzbar zu machen. Wie gefährlich diese Arbeiten waren, erlebte die Familie Nobel selbst: Bei einer Explosion in Stockholm kamen 1864 mehrere Menschen ums Leben, darunter Alfred Nobels jüngerer Bruder Emil. Nobel setzte seine Forschungen dennoch fort und kam nach Norddeutschland. 1865 gründete er auf dem Krümmel seine Nitroglycerinfabrik. Nach Angaben des Förderkreises Industriemuseum Geesthacht umfasste das ursprüngliche Gelände rund 42 Hektar und lag in den damals einsamen Schluchten und Sandhügeln des Geesthangs nahe der Elbe. Die Lage bot mehrere Vorteile: Die Elbe war ein wichtiger Verkehrsweg, während gleichzeitig ein ausreichender Abstand zur damaligen Ortschaft Geesthacht bestand. Die Firma trug den Namen Alfred Nobel & Co., und auf dem Krümmel befand sich auch Nobels Laboratorium. Die einzelnen Produktions- und Lagergebäude wurden wegen der Explosionsgefahr mit Abstand voneinander errichtet und teilweise durch Schutzwälle getrennt. Bei einer Explosion sollte verhindert werden, dass unmittelbar eine Kettenreaktion in den benachbarten Gebäuden entstand.

Trotz dieser Sicherheitsmaßnahmen explodierte die Krümmeler Fabrik 1866. Nobel setzte daraufhin seine Suche nach einer besseren Möglichkeit fort, Nitroglycerin zu beherrschen. Die entscheidende Lösung fand er in der Verbindung mit Kieselgur. Das poröse Material konnte das flüssige Nitroglycerin aufnehmen, wodurch eine formbare und wesentlich besser handhabbare Masse entstand. Nobel nannte den neuen Sprengstoff Dynamit, abgeleitet vom griechischen Begriff „dynamis“ für Kraft. Die Stadt Geesthacht hält in ihrer Chronik fest, dass Alfred Nobel 1866 in Geesthacht das Dynamit entwickelte und auf dem Krümmel die erste Dynamitfabrik des europäischen Kontinents entstand. Damit wurde Krümmel zu einem Ort von internationaler technikgeschichtlicher Bedeutung. Dynamit wurde keineswegs ausschließlich für militärische Zwecke benötigt. Im Zuge der Industrialisierung entstand ein enormer Bedarf im Bergbau sowie beim Bau von Eisenbahnstrecken, Straßen und Tunneln. Felsen konnten schneller beseitigt, Gebirge durchbrochen und Rohstoffe effizienter erschlossen werden. Nobels Erfindung verbreitete sich international, und er gründete weitere Produktionsstätten in verschiedenen Ländern. 1873 verließ Nobel Deutschland und zog nach Paris. Nach Angaben des Industriemuseums hatte er innerhalb weniger Jahre 14 Dynamitfabriken in Europa gegründet. 1875 entwickelte er mit der Sprenggelatine einen weiteren leistungsfähigen Sprengstoff. Aus den Experimenten am Geesthang oberhalb der Elbe war damit ein internationales Geschäft entstanden.

Die Dynamitfabrik verändert Geesthacht

Auch für Geesthacht hatte diese Entwicklung enorme Folgen. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts war der Ort wesentlich von traditionellen Gewerben geprägt. Mit der Dynamitfabrik begann eine Industrialisierung völlig anderer Größenordnung. Wenige Jahre später entstand mit der Pulverfabrik Düneberg ein zweiter bedeutender Betrieb der Sprengstoffindustrie. Damit befand sich Geesthacht zwischen zwei großen Industriekomplexen, die über Jahrzehnte hinweg Arbeitsplätze, Bevölkerungsentwicklung und Infrastruktur bestimmten. Die Fabriken benötigten Energie, Verkehrswege, Rohstoffe, Lagerflächen und Arbeitskräfte. Menschen kamen nach Geesthacht, weil sie hier Beschäftigung fanden, und rund um die Werke entwickelten sich entsprechende Wohn- und Versorgungsstrukturen. Das heutige Industriemuseum Geesthacht beschäftigt sich intensiv mit dieser Entwicklung und der Geschichte der beiden großen Sprengstofffabriken.

Schon dabei wird die Widersprüchlichkeit dieser Industriegeschichte deutlich. Dynamit erleichterte den Bau von Eisenbahnstrecken, Straßen, Tunneln und Bergwerken und wurde damit zu einem wichtigen Werkzeug der Industrialisierung. Sprengstoffe besaßen aber ebenso eine militärische Bedeutung. Diese beiden Seiten ziehen sich durch die gesamte Geschichte des Krümmels: wissenschaftliche und technische Innovation auf der einen, enorme Zerstörungskraft auf der anderen Seite. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 stieg die militärische Nachfrage nach Sprengstoffen erheblich und die Anlagen wurden weiter ausgebaut. Aus dieser Epoche stammt eines der markantesten heute noch vorhandenen Bauwerke: der Krümmeler Wasserturm. Der etwa 30 Meter hohe verklinkerte Stahlbetonbau wurde 1916/17 im Rahmen des sogenannten Hindenburg-Bauprogramms errichtet und versorgte einen Nitrozellulosebetrieb mit Wasser. Heute gehört der Turm zu den wenigen erhaltenen Originalbauwerken der ehemaligen Dynamitfabrik. Wer in diesem Bereich unterwegs ist, kann den Kopf des Wasserturms zwischen den Baumwipfeln erkennen. Die Natur hat das ehemalige Industrieareal längst zu großen Teilen zurückerobert. Heute dient der historische Turm sogar Fledermäusen als Rückzugsort und wird nach Angaben der Stadt auch vom Uhu als Brutplatz genutzt. Weitere Informationen bietet die Stadt Geesthacht zum Krümmeler Wasserturm.

Rüstungsproduktion, Zweiter Weltkrieg und das Ende der Fabrik

Nach dem Ersten Weltkrieg veränderten sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen erheblich. Mit der nationalsozialistischen Aufrüstung begann jedoch ein neues und besonders dunkles Kapitel. Ab 1934 wurde Krümmel wieder massiv ausgebaut. Nach Angaben der Stadt Geesthacht entwickelte sich der Betrieb zwischen 1934 und 1945 zu einem der größten Sprengstoffproduktionsbetriebe des nationalsozialistischen Deutschlands. Die einst von Alfred Nobel gegründete Fabrik war damit Bestandteil der nationalsozialistischen Rüstungswirtschaft geworden. Die Dynamitfabrik Krümmel und die Pulverfabrik Düneberg produzierten bis 1945. Zur Geschichte dieser Epoche gehört zwingend auch die Zwangsarbeit. Die deutsche Kriegswirtschaft setzte während des Zweiten Weltkriegs in großem Umfang ausländische Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und andere zwangsverpflichtete Menschen ein. Auch die Geesthachter Rüstungsindustrie war Teil dieses Systems. Damit besitzt die Geschichte Krümmels neben der faszinierenden Technik- und Industriegeschichte eine dunkle Seite, die bei der Beschäftigung mit dem Standort nicht ausgeklammert werden darf.

1945 endete schließlich die rund 80-jährige Geschichte der Sprengstoffproduktion auf dem Krümmel. Das Fabrikgelände wurde im letzten Kriegsjahr bombardiert und teilweise schwer beschädigt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Produktionsanlagen demontiert und zahlreiche Gebäude beseitigt. Doch die Vergangenheit verschwand nicht vollständig. Die jahrzehntelange Herstellung chemischer und explosiver Stoffe hinterließ Belastungen in Boden und Grundwasser. Seit Ende der 1980er-Jahre wurden deshalb umfangreiche Untersuchungen durchgeführt. Die Stadt Geesthacht informiert ausführlich über die Altlasten der ehemaligen Sprengstofffabrik Krümmel. Die industrielle Vergangenheit wirkt damit teilweise bis heute nach.

Vom Dynamit zur Kernenergie und modernen Forschung

Nach dem Zweiten Weltkrieg begann auf dem Krümmel ein neues Kapitel der Technikgeschichte. Auf einem Teil des ehemaligen Industrieareals entstand später das Kernkraftwerk Krümmel, das 1983 ans Netz ging und inzwischen selbst Industriegeschichte ist. Heute befindet sich die Anlage im Rückbau. In unmittelbarer Umgebung liegt außerdem das heutige Forschungszentrum Hereon. Damit lassen sich auf vergleichsweise kleinem Raum mehrere große Epochen deutscher Wissenschafts-, Technik- und Industriegeschichte nachvollziehen: die chemische Industrie des 19. Jahrhunderts, die Entwicklung moderner Sprengstoffe, die Rüstungsproduktion zweier Weltkriege, die Nachkriegszeit, moderne Großforschung und die Geschichte der Kernenergie. Zwischen diesen modernen Anlagen ragt noch immer der historische Wasserturm über die Baumwipfel und stellt damit eine sichtbare Verbindung zur Zeit Alfred Nobels her.

Von der einst riesigen Fabrik ist heute ansonsten vergleichsweise wenig unmittelbar zu erkennen. Viele Gebäude wurden beseitigt, andere Überreste sind inzwischen überwachsen. Gerade deshalb lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Der Förderkreis Industriemuseum Geesthacht beschäftigt sich intensiv mit der Geschichte der Geesthachter Sprengstoffindustrie und bietet historische Spaziergänge „Auf den Spuren Alfred Nobels“ an. Ausgangspunkt ist unter anderem der Nobelplatz vor dem ehemaligen Verwaltungsgebäude der Dynamit Aktiengesellschaft. Alte Pläne und Fotografien helfen dabei, die Dimensionen der ehemaligen Fabrik wieder sichtbar zu machen. Die Führungen führen auch zum historischen Wasserturm. Aktuelle Termine veröffentlicht das Industriemuseum Geesthacht.

Alfred Nobel und sein Name im heutigen Geesthacht

Bei aller Bedeutung seiner Erfindung wäre es zu kurz gegriffen, Alfred Nobel ausschließlich als Erfinder des Dynamits zu betrachten. Er war Chemiker, Techniker, Unternehmer und Inhaber zahlreicher Patente. Seine Erfindungen und Unternehmen machten ihn zu einem sehr vermögenden Mann. Sein Name ist heute allerdings noch stärker mit den Nobelpreisen verbunden. Nobel starb am 10. Dezember 1896 im italienischen Sanremo. In seinem Testament verfügte er, dass der größte Teil seines Vermögens angelegt werden sollte und die Erträge der Auszeichnung von Menschen dienen sollten, deren Leistungen der Menschheit besonderen Nutzen gebracht hatten. 1901 wurden die Nobelpreise erstmals verliehen. Weitere Informationen über sein Leben und die Entstehung der Preise bietet die offizielle Seite NobelPrize.org. Damit führt eine bemerkenswerte historische Linie von einer Nitroglycerinfabrik am Geesthang oberhalb der Elbe bis zur heutigen jährlichen Verleihung der Nobelpreise in Stockholm und Oslo.

Die besondere Verbindung zwischen Nobel und Geesthacht zeigt sich aber nicht nur in historischen Bauwerken und Ortsbezeichnungen. Eine der großen weiterführenden Schulen der Stadt trägt heute seinen Namen: die Alfred-Nobel-Schule Geesthacht. Die heutige Schule war ursprünglich die Integrierte Gesamtschule Geesthacht. In der Ortschronik der Stadt ist für 2011 die Umbenennung zur Alfred-Nobel-Schule (ANS) verzeichnet. Die Namensgebung besitzt einen unmittelbaren lokalen Bezug: Nur wenige Kilometer von der Schule entfernt hatte Nobel im 19. Jahrhundert seine Nitroglycerinfabrik aufgebaut und das Dynamit entwickelt. Generationen Geesthachter Schülerinnen und Schüler besuchen damit heute eine Schule, deren Name unmittelbar mit der Industriegeschichte ihrer Heimatstadt verbunden ist. Die Alfred-Nobel-Schule Geesthacht ist heute eine Gemeinschaftsschule mit Oberstufe. Die Namensgebung bietet zugleich Anlass, sich mit den unterschiedlichen Seiten von Nobels Lebenswerk auseinanderzusetzen: mit Forschung, Technik und Fortschritt, aber ebenso mit der Verantwortung für die Verwendung technischer Entwicklungen.

Ein Stück Weltgeschichte vor meiner Haustür

Für mich besitzt die Geschichte der Dynamitfabrik einen besonderen Reiz, weil sich all dies unmittelbar vor meiner Haustür abgespielt hat. Wenn ich heute in Geesthacht und Krümmel unterwegs bin, sehe ich diese Landschaft deshalb mit anderen Augen. Wald, Elbhang und die wenigen verbliebenen historischen Bauwerke lassen kaum noch erkennen, dass sich hier einst ein gewaltiger Industriekomplex erstreckte. Noch weniger lässt die heutige Ruhe vermuten, dass hier im 19. Jahrhundert mit einem der gefährlichsten Stoffe seiner Zeit experimentiert wurde. Genau hier suchte Alfred Nobel nach einer Möglichkeit, Nitroglycerin besser beherrschbar zu machen, und genau hier entstand das Dynamit. Von Krümmel aus begann eine Entwicklung, die sich innerhalb weniger Jahre über Europa und weit darüber hinaus ausbreitete. Gleichzeitig veränderte die Fabrik Geesthacht selbst. Menschen kamen wegen der Arbeitsplätze in die Region, neue Wohn- und Versorgungsstrukturen entstanden und gemeinsam mit der Düneberger Pulverfabrik prägte die Dynamitfabrik die industrielle Entwicklung Geesthachts über viele Jahrzehnte.

Heute ist Alfred Nobel in Geesthacht weiterhin präsent: durch den Nobelplatz, den historischen Wasserturm und weitere Relikte der Dynamitfabrik, durch die Arbeit des Industriemuseums und nicht zuletzt durch die Alfred-Nobel-Schule. Die Geschichte besitzt dabei viele Seiten. Krümmel steht für Erfindergeist und Zerstörungskraft, wirtschaftlichen Aufstieg und Krieg, technischen Fortschritt und dessen Folgen. Gerade diese Widersprüche machen den Ort historisch so interessant. Die ehemalige Dynamitfabrik gehört für mich deshalb zu den faszinierendsten Kapiteln der Geschichte meiner Heimatstadt. 1865 gründete Alfred Nobel hier seine Nitroglycerinfabrik, 1866 entwickelte er in Krümmel das Dynamit. Aus der zunächst überschaubaren Anlage entwickelte sich ein gewaltiger Industriekomplex, dessen Bedeutung weit über Geesthacht hinausreichte. Die Geschichte führt weiter über die Industrialisierung, zwei Weltkriege und die nationalsozialistische Rüstungswirtschaft bis zur Demontage nach 1945, zu Altlasten, Kernenergie und moderner Forschung. Wer heute durch Krümmel fährt, am Geesthang unterwegs ist oder auf die Elbe blickt, bewegt sich deshalb auf historischem Boden. Hier wurde nicht nur Geesthachter Industriegeschichte geschrieben. Ein bedeutendes Kapitel internationaler Technik- und Industriegeschichte nahm direkt vor unserer Haustür seinen Anfang.

Weiterführende Informationen

Stadt Geesthacht – Ortschronik

Stadt Geesthacht – Krümmeler Wasserturm und Sehenswürdigkeiten

Stadt Geesthacht – Altlasten der ehemaligen Sprengstofffabrik Krümmel

Förderkreis Industriemuseum Geesthacht

Industriemuseum Geesthacht – Geschichte der Dynamitfabrik

Industriemuseum Geesthacht – Führungen und Veranstaltungen

Alfred-Nobel-Schule Geesthacht

NobelPrize.org – Alfred Nobel

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