Nach unserem Besuch der Star-Wars-Ausstellung „The Fans Strike Back“ in Hamburg-Altona am 19. September 2026 war unser gemeinsamer Ausflug noch nicht beendet. Statt direkt nach Hause zu fahren, machten wir uns noch auf den Weg nach St. Pauli und auf den Hamburger Kiez. Das Wetter passte zum bisherigen Tag: herbstlich, aber nicht wirklich kalt, zwischendurch fiel immer wieder etwas Regen. Während das Wetter für den vorherigen Ausstellungsbesuch geradezu ideal gewesen war, störte uns der gelegentliche Regen auch auf dem Kiez nicht besonders. Schließlich spielt sich hier ein großer Teil des Lebens ohnehin in Kneipen, Bars, Clubs und unter den zahlreichen Leuchtreklamen ab. So wechselten wir innerhalb kurzer Zeit von einer weit entfernten Galaxis in eine der bekanntesten Gegenden Hamburgs.

Die Reeperbahn – viel mehr als eine Vergnügungsmeile

Die Reeperbahn ist heute vor allem für ihr Nachtleben bekannt. Ihre Geschichte reicht allerdings wesentlich weiter zurück.

Der Name geht auf die sogenannten Reepschläger zurück. Sie stellten Seile und Taue her und benötigten dafür lange, gerade Bahnen. Gerade für eine Hafenstadt wie Hamburg war dieses Handwerk von großer Bedeutung. St. Pauli lag ursprünglich außerhalb der Hamburger Stadtmauern. Im Laufe der Zeit siedelten sich hier Gewerbe und Vergnügungsbetriebe an, die innerhalb der Stadt entweder keinen ausreichenden Platz fanden oder dort nicht erwünscht waren. Daraus entwickelte sich nach und nach ein Viertel mit einem ganz eigenen Charakter.

Spätestens im 20. Jahrhundert wurde die Reeperbahn weit über Hamburg hinaus als Vergnügungsviertel bekannt. Doch St. Pauli steht nicht nur für Rotlicht und Nachtleben. Theater, Varietés und vor allem Musikclubs gehören ebenfalls zur Geschichte des Viertels. Eine besondere Rolle spielte St. Pauli beispielsweise für die Beatles. Anfang der 1960er-Jahre standen die damals noch weitgehend unbekannten Musiker in verschiedenen Hamburger Clubs auf der Bühne. Die Zeit in Hamburg wurde später zu einem wichtigen Kapitel ihrer frühen Karriere.

Vorbei an der legendären „Ritze“

Bei unserem Rundgang durfte natürlich auch ein Blick auf eine der bekanntesten Kneipen der Reeperbahn nicht fehlen: die „Zur Ritze“ an der Reeperbahn 140.

Schon der Eingang ist kaum zu übersehen. Wer die Kneipe betritt, geht zwischen den weithin bekannten aufgemalten gespreizten Frauenbeinen hindurch. Hinter diesem frivolen Wahrzeichen steckt allerdings wesentlich mehr als einfach nur eine weitere Kneipe auf dem Kiez. Die Ritze gehört zu den Orten, an denen sich ein Stück des alten St. Pauli bis heute erhalten hat.

Ihre Geschichte begann 1974 mit dem ehemaligen Boxer Hanne Kleine. Unter dem damaligen Palais D’Amour richtete er einen Boxkeller ein, darüber entwickelte sich die Kneipe „Zur Ritze“.

Selbst der Name hat seine eigene Geschichte. Ursprünglich sollte das Lokal nach Angaben der Betreiber „Zur Spalte“ heißen. Dieser Name war den Behörden jedoch offenbar etwas zu eindeutig – und so wurde daraus schließlich die „Ritze“. Auch die Räumlichkeiten erzählen etwas über die Vergangenheit des Kiezes. Der vordere Bereich der Kneipe soll ursprünglich als Pissoir des Palais D’Amour gedient haben, während der hintere Teil später hinzukam. Ein roter Vorhang spielte ebenfalls eine besondere Rolle. Wurde er geschlossen, bedeutete dies zu Zeiten, als vor allem Größen des Hamburger Milieus hier verkehrten, dass eine geschlossene Gesellschaft unter sich bleiben wollte.

Treffpunkt des alten Hamburger Kiezes

In den 1970er- und 1980er-Jahren entwickelte sich die Ritze zu einem Treffpunkt von Menschen aus dem Hamburger Rotlichtmilieu, aber ebenso von Boxern, Künstlern, Musikern und Schauspielern. Damit steht die Kneipe für eine Epoche, in der St. Pauli noch wesentlich stärker als heute vom Hafen, der Rotlichtszene und teilweise berüchtigten Kiezgrößen geprägt wurde. Diese Vergangenheit hatte allerdings auch ausgesprochen dunkle Seiten. 1981 wurde der als „Chinesen-Fritz“ bekannte Zuhälter in der Ritze von einem Auftragskiller erschossen. 2006 nahm sich der bekannte Kiezakteur Stefan Hentschel im Boxkeller das Leben. Solche Ereignisse gehören ebenfalls zur Geschichte des alten St. Pauli. Die Ritze ist deshalb nicht nur mit nostalgischen Kiezgeschichten verbunden, sondern auch mit einer Zeit, in der Gewalt und organisierte Kriminalität zum Hamburger Rotlichtmilieu gehörten. Heute steht dagegen vor allem der Kultcharakter der Kneipe im Vordergrund.

Der berühmte Boxkeller

Fast noch berühmter als die eigentliche Kneipe ist der Boxkeller unter der Ritze. Er befindet sich in einer ehemaligen Tiefgarage und bildet gewissermaßen den historischen Kern des Lokals.

Hier trainierten im Laufe der Jahrzehnte zahlreiche bekannte Boxer. Dazu zählen unter anderem Henry Maske, Dariusz Michalczewski sowie Wladimir und Vitali Klitschko. Auch der frühere Weltmeister Eckhard Dagge gehört zur Geschichte des Boxkellers. Der Boxring ist dabei keineswegs nur ein Museumsstück. Bis heute wird im Keller trainiert. Dadurch ist die Verbindung zwischen der Ritze und dem Boxsport lebendig geblieben. Auch zahlreiche prominente Gäste gehören zur Geschichte des Hauses. Mit der Ritze werden unter anderem Udo Lindenberg, Falco, Otto Waalkes und Jan Fedder in Verbindung gebracht. Fedder soll die Kneipe sogar als sein „Wohnzimmer“ bezeichnet haben. Nach dem Tod von Hanne Kleine im Jahr 2011 wurde die Geschichte des Lokals fortgeführt. 2014/15 übernahm der ehemalige Kickbox-Weltmeister Carsten Marek zunächst den Boxkeller und schließlich auch die Kultkneipe. Im Oktober 2024 konnte die Ritze bereits ihr 50-jähriges Bestehen feiern.

Wir selbst beließen es bei unserem Besuch diesmal beim Vorbeischauen. Trotzdem gehört die Ritze für uns zu einem Rundgang über den Kiez dazu. Wenn man vor dem berühmten Eingang steht, blickt man schließlich nicht nur auf eine ungewöhnliche Kneipe, sondern auf einen Ort, an dem sich mehr als fünf Jahrzehnte Hamburger Kiez-, Box- und Milieugeschichte miteinander verbinden.

Zwischen den vielen moderneren Bars, Clubs und touristischen Angeboten der heutigen Reeperbahn wirkt die Ritze deshalb fast wie ein erhalten gebliebenes Stück des alten St. Pauli.

Weiter zum Hans-Albers-Platz

Von dort führte unser Weg weiter zum Hans-Albers-Platz. Obwohl er unmittelbar an die Reeperbahn angrenzt, besitzt dieser Teil des Kiezes eine ganz eigene Atmosphäre.

Rund um den Platz befinden sich zahlreiche Kneipen und Pubs. Besonders am Abend entwickelt er sich zu einem lebendigen Treffpunkt. Der Bereich wird deshalb gelegentlich auch als „Kleiner Kiez“ bezeichnet.

Dabei ist der Hans-Albers-Platz keineswegs nur Teil des modernen Hamburger Nachtlebens. Einige Gebäude in seiner Umgebung stammen aus dem 19. Jahrhundert. Zwischen Leuchtreklamen, Kneipen und Musik findet sich damit noch ein Stück des historischen St. Pauli. Früher hieß der Platz Wilhelmsplatz. Seit 1964 trägt er den Namen des vier Jahre zuvor verstorbenen Schauspielers und Sängers Hans Albers.

Eine passendere Persönlichkeit für diesen Ort lässt sich kaum finden.

Hans Albers und das Bild vom alten Hamburg

Hans Albers wurde 1891 in Hamburg geboren und entwickelte sich zu einem der bekanntesten deutschen Schauspieler seiner Zeit. Wie kaum ein anderer wurde er mit dem populären Bild von Hamburg, Hafen, Seefahrt und St. Pauli verbunden. Filme und Lieder wie „Große Freiheit Nr. 7“ oder „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins“ machten ihn zu einer Hamburger Legende. Mit seinem Image als rauer, selbstbewusster und gleichzeitig gefühlvoller Seemann prägte Albers über Jahrzehnte das romantisierte Bild vom Hamburger Hafen und von St. Pauli. Unübersehbar steht deshalb mitten auf dem nach ihm benannten Platz die fast drei Meter hohe Bronzefigur von Hans Albers. Geschaffen wurde sie vom Künstler Jörg Immendorff. Passend zum Hamburger Image des Schauspielers wird Albers mit einem Schifferklavier dargestellt. Interessant ist, dass heute nicht mehr das ursprüngliche Kunstwerk auf St. Pauli steht. Die erste Skulptur wurde 1986 aufgestellt. Nach einem späteren Streit zwischen Immendorff und dem Hamburger Senat ließ der Künstler sie entfernen und nach Düsseldorf bringen. Hamburg ließ schließlich eine weitere Ausführung anfertigen. Das ursprüngliche Werk befindet sich heute in Düsseldorf. So wacht der „blonde Hans“ weiterhin über einen der lebendigsten Plätze auf St. Pauli.

Zwischen altem St. Pauli und heutigem Nachtleben

Gerade diese Mischung macht den Hans-Albers-Platz interessant. Er ist kein herausgeputzter Museumsplatz, sondern weiterhin Teil des alltäglichen Kiezlebens. Rundherum liegen Kneipen, Bars und Pubs. Hamburger, Stammgäste des Viertels und Besucher aus aller Welt treffen hier aufeinander. Auf der einen Seite erinnern die älteren Gebäude, Hans Albers und einige traditionelle Kneipen an das frühere St. Pauli. Auf der anderen Seite ist der Platz weiterhin fester Bestandteil des heutigen Hamburger Nachtlebens. Dadurch wirkt er weniger wie eine Sehenswürdigkeit, die man lediglich besichtigt, sondern wie ein Ort, an dem der Kiez tatsächlich stattfindet.

Einkehr im Murphy’s Irish Pub

Für uns wurde der Hans-Albers-Platz nach der Star-Wars-Ausstellung und unserem Rundgang schließlich zum Ort für eine kleine Pause.

Wir kehrten vorübergehend im Murphy’s Irish Pub ein. Nach Ausstellung, Reeperbahn und unserem Abstecher zur Ritze war das eine gute Gelegenheit, eine Weile zu sitzen, etwas zu trinken und die Atmosphäre des Kiezes auf uns wirken zu lassen. Irish Pubs gehören inzwischen genauso zum vielfältigen gastronomischen Angebot St. Paulis wie alte Hamburger Kneipen, moderne Bars oder Musikclubs. Und ein Pub passt durchaus zum Hans-Albers-Platz: unkompliziert, lebendig und mitten im Geschehen. Nach einiger Zeit setzten wir unseren Weg wieder fort.

Fazit

Unser Abstecher auf den Hamburger Kiez war ein schöner Abschluss unseres gemeinsamen Tages. Nach der detailreichen Star-Wars-Ausstellung in Altona bot St. Pauli mit Reeperbahn, Ritze und Hans-Albers-Platz einen spannenden Kontrast. Die kurze Einkehr im Murphy’s rundete unseren Rundgang ab. So wurde aus dem eigentlichen Ausstellungsbesuch noch ein abwechslungsreicher Hamburg-Tag – von einer weit entfernten Galaxis mitten hinein ins echte St. Pauli. 

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